Die Pfarrei
Weimerskirch:
älter als 1200 Jahre!
Vun Dëppegéisser,
Lakerten an hirer Geheimsprooch
Im
rechten Seitenschiff der Kirche befindet sich diese Wandmalerei. An
dritter Stelle sehen wir die Großherzogin Maria Adelheid. Sie wurde 1912,
, im Alter von 18 Jahren, Großherzogin, die Regentschaft von ihrer Mutter
Maria Anna von Braganza war damit vorüber. Nach dem ersten Weltkrieg
verzichtete sie auf den Thron und trat ins Kloster ein.
Sie starb bereits am 24. Januar
„Maria Adelheid, deren Andenken im Luxemburger
Volk weiterlebt, ist eine der edelsten Frauengestalten unserer Geschichte“
(Joseph Meyers).
Martin wurde um 316 in Sabaria, dem
heutigen Steinamanger in Ungarn, geboren. Mit fünfzehn Jahren wurde er in
die Gardereiterei eingereiht und wenig später in den Westen versetzt. Am
Stadttor von Amiens teilte er seinen Soldatenmantel mit einem frierenden
Bettler; in der Nacht darauf erschien ihm Christus, mit dem
abgeschnittenen Mantelstück bekleidet. Mit achtzehn Jahren 1ieß sich
Martin taufen, diente aber noch bis 356 in der kaiserlichen Garde. Nach
seinem Abschied vom Heer (in der Nähe von Worms) ging er zum Bischof
Hilarius von Poitiers, der ihn in die pannonische Heimat zurückschickte.
um 360 traf er wieder mit Hilarius zusammen. 361 gründete er Ligugé,
das erste Kloster Galliens. 371 wurde er Bischof von Tours, 375 gründete
er das Kloster Marmoutier an der Loire, das zu einem Mittelpunkt
monastischer Kultur wurde und als Missionsseminar bezeichnet werden
kann. Unermüdlich widmete er sich der G1aubenspredigt den noch
weithin heidnischen Gebieten. Er starb am 8. November 397 und wurde am 11.
November in Tours begraben. Sein Grab wurde zumNationalheiligtum der
Franken. Martin ist der erste Nichtmärtyrer in der abendländischen
Kirche als Heiliger verehrt wurde.
Die Pfarrei Weimerskirch: älter als 1200
Jahre! Um den Ursprung der Pfarrei Weimerskirch zu belegen, finden wir
schon sehr früh manche Hinweise. Ausgangspunkt ist die "Vita" (Beschreibung)
der Abtei von Sankt Maximin in Trier. Sie wurde in der 2. Hälfte des
VIII. Jahrhunderts verfasst. Um das Jahr 723 notiert der anonyme Verfasser
folgendes: Der Hausmeier Karl Martel, krank darniederliegend, schenkt der
Abtei Sankt Maximin in Trier 3 Ländereien (3Lehen), eine davon: VIDMAR
ECCLESIA; später WIMARIECCLESIA.. Dieser Name erscheint später
regelmäßig unter den Besitzungen der Abtei von Sankt Maximin
zwischen 893 und 1051. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Eigenkirche
wie es bei den Franken üblich war. Wenn
die Kirche in diesen Dokumenten erwähnt wird, dann müsste sie
wohl schon vor 723 existiert haben. Diese These (vor 723) wird noch erhärtet
durch die Tatsache, dass der HI Martin Kirchenpatron ist. Vielleicht wurde
schon im 6. Jahrhundert an der heutigen Stelle(?)von einem fränkischen
Großgrundbesitzer eine Kirche errichtet. Vielleicht haben sogar fränkische
Großgrundbesitzer das Tal der Alzette christianisiert, bevor iroschottische
Mönche, wie der Hl.Willibrord nach Luxemburg kamen. Genauere Angaben
über die Ausdehnung von Weimerskirch liefert uns ein Pachtvertrag
aus dem Jahre 926, zwischen einem gewissen Bernacrus und der Abtei Sankt
Maximin. Diese Domaine umfasst ein großes
landwirtschaftliches Gut
mit Herrenhaus, Kirche, 6 Mühlen, vielen Häusern und großen
Wildern. Falls man annimmt, dass dieses landwirtschaftliche Gut aus der
Schenkung von diesem Karl Martel herstammt, und die Kirche schon vor 723
bestand, könnte man diese Domaine als Urpfarrei Weimerskirch bezeichnen.
Aus der 1. Angefügten Landkarte kann man
ersehen, wie die Pfarrgrenzen damals gewesen sein können. Interessant
ist auch die 2.Landkarte, sie zeigt die
Abtrennung der Pfarrei Hollerich von Weimerskirch. Die alte Römerstrasse ist
nun Pfarrgrenze zwischen
Hollerich und Weimerskirch. Die Ausdehnung der
beiden Pfarreien deckt sich wahrscheinlich mit den Ländereien, die
Karl Martel der Abtei Sankt Maximin von Trier geschenkt hatte. Weimerskirch
blieb im Besitz von Sankt Maximin bis 1051. Das Lehenbuch der Abtei erwähnt
Weimerskirch für diese Zeit, ohne näher zu bestimmen, wer es
zu dieser Zeit bewirtschaftete. Später (11. oder 12. Jahrhundert)
kam das Patronatsrecht über die Kirche von Weimerskirch an die Grafen
von Luxemburg. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Pfarrsitz von
Weimerskirch in die Stadt verlegt nach Sankt Nikolaus. Diese,
wie andere Stadtpfarreien waren durch Aufteilung der alten Mutterpfarrei
Weimerskirch entstanden. Durch bischöfliches Dekret vom 9.April 1585
wurde die St Nikolauskirche zur Hauptkirche erhoben, mit Weimerskirch als
Vikarie. Der gemeinsame Pfarrer musste bei St. Nikolaus residieren und
in Weimerskirch sich durch einen "Vicarius perpetuus" vertreten lassen.
Dieser Zustand dauerte von 1586 bis 1803. Nach dem französischen Konkordat
wurde die Pfarrei Luxemburg-Liebfrauen ganz von Weimerskirch getrennt,
das ab 1804 wieder selbständige Pfarrei wurde bis zum heutigen Tag.
Albert Backes seit September 1981 Pfarrer in Weimerskirch.
Von
Dëppegéisser, Lakerten
an hirer Geheimsprooch
vum Marie-Josée Bofferding-Glod
Am Anfang unseres Jahrhunderts zählte man in Weimerskirch noch etwa vierzig Familien fahrender Leute, Lumpenkrämer, auch Lakerten genannt, Dëppegéisser und andere. Es waren die Lumpenkrämer, die der Ortschaft Weimerskirch den Spitznamen " bei de Lakerten" verschafften. Die Händler benutzten unter sich eine Geheimsprache, die sie Lakersprache nannten, öfters auch Jenisch.
Es ist wohl unmöglich, die Anfänge des Jenischen überhaupt festzustellen. Als sprach- und kulturgeschichtliches Ergebnis einer Studie über die Lakersprache* stellt Professor Joseph Tockert fest, "dass schon vor den Lakerten ein luxemburgisches Jenisch bestand, das vielleicht Jahrhunderte alt war und aus der Zeit unserer Zugehörigkeit zu den niederländischen Provinzen herrührte. Auf dieses frühe Jenisch bauten die Lakerten im19. Jahrhundert, besonders seit unserer Zugehörigkeit zum Deutschen Bund (seit 1815) und zum Deutschen Zollverband (seit 1843) ihre Sonderspracheauf, die infolge der Ausbreitung ihres Handels nach Osten von den deutschen Geheim- und Vulgärsprachen entscheidend beeinflusst wurde. Letztere Einflüsse haben natürlich auch auf das luxemburgische Jenische als Ganzes gewirkt.
* Télécran Nr.26/1983
vgl. auch ,"Weimerskirch" und sein Jenisch" von
Evy Friedrich im Tageblatt vom 4.2.1978.
Das Weimerskircher Jenisch, auch Lakersprache
oder Lakerschmus genannt" von Prof. Joseph TOCKERT geboren 1875 in Dommeldingen,
T 1950 zu Monte Carlo) in Heft Nr.12/13 der Vierteljahresblätter für
luxemburgische Sprachwissenschaft, Volks und Ortsnamenskunde (1938).
Diese Studie erschien übersehen, vermehrt und verbessert 1949 nochmals
in den Cahiers luxembourgeois (Nr.2, 3/4, 5 und 6) wirkt und ihm selbst
zur selben Zeit ein neues Gepräge gegeben."
Professor Tockert berichtet des weiteren, dass im 19. Jahrhundert ein Anlauf genommen wurde, die Lakersprache schriftlich aufzunehmen. Das war infolge eines Injurienprozesses, als ein Lakert einem ehrbaren Eicher Bürger vorgeworfen hatte, den Patres von Luxemburg, die Kitten gezoppt (das Geld gemaust) zu haben. Richter und Advokaten fanden keinen Text darauf und es war auch kein Zeuge zur Hand um den Injuriencharakter des Ausdrucks zu erhärten. Die Klage wurde somit abgewiesen, aber daraufhin beauftragte die Behörde, wie es scheint, die Gendarmenbrigade von Eich dieses Weimerskircher Kauderwelsch zu Papier zu bringen. Da aber der Brigadier von Eich ohnehin zu dem fahrenden Volk ein gespanntes Verhältnis hatte, bekamen er und seine Gendarmen wenig heraus und mehr als einmal sind daher den Gendarmen die Tschakos geflogen."
Die Zahl der fahrenden Leute in Weimerskirch nahm mit der Zeit ab, um mit Beginn des Zweiten Weltkrieges fast gänzlich auszusterben. Das Jenische ist den Weimerskirchern bislang erhalten geblieben durch schriftliche und mündliche Überlieferung. So gibt es auch noch heute eine Reihe landläufiger Ausdrücke, die vor allem den gebürtigen Weimerskirchern bekannt sind und derer sie sich noch gelegentlich in ihrer Ausdrucksweise bedienen.
Wir unterhielten uns mit den Nachkommen der Familie Antony, einer alteingesessenen ,,Dëppegéisserfamill". In den zwanziger Jahren gingen Mutter und Vater Antony mit ihrem Hundegespann, beladen mit dem benötigten Handwerksgeschirr, die entferntesten Dörfer und Höfe bis ins hohe Ösling ab, um ihre Dienste anzubieten. War der kräftige Schäferhund zu müde um das Gespann weiter zu ziehen, wurde er auf den Wagen verfrachtet und die braven Leute legten sich selbst in die Riemen. Auf dem leichten Wagen wurde ein Kessel mit Holzfeuerung mitgeführt, in dem das flüssige Zinn erhitzt wurde, ein Blasbalg, um das Feuer zu entfachen, sowie ein kleiner Behälter, ,,Poti" genannt, mit Holzkohlen. Eine Werkzeugkiste enthielt das nötige Handwerksgeschirr wie Hammer, Zange, Blechschere, Feile, Messer oder Lötkolben.
Die Dëppegèisser waren in Dörfern oder auf abgelegenen Höfen meist willkommen, gab es doch immer wieder undichte Milchkannen, Futterkessel oder Töpfe zu reparieren. Abgenutzte Bestecke warteten darauf, neu aufpoliert zu werden.
Während Mutter Antony Nachfrage in den Häusern
hielt, traf Vater Antony die nötigen Vorbereitungen. Das Feuer wurde
entfacht und das Zinn erhitzt. Die Dorf- oder Hofbewohner brachten inzwischen
ihre reparaturbedürftigen Töpfe, Kessel usw. herbei. Der fahrende
Dëppegèisser verstand sein Handwerk. Löcher wurden dichtgemacht,
Böden in Kannen oder Kessein ersetzt und fachmännisch instand
gesetzt. Abgenutzte Bestecke wurden zuerst mit Salzsäure entfettet,
mit Wasser abgespült und mit Schafswolle abgetrocknet. In einem flüssigen
Zinnbad wurden Messer, Gabel und Löffel aufpoliert und sahen nach
dieser Behandlung, silberglänzend, wie funkelnagelneu aus. Waren Vater
und Mutter Antony gegen 8 Uhr abends noch nicht zu Hause, wussten die Kinder,
dass die Eltern ihre Tour nicht abbrechen wollten und für eine Nacht
Obdach in einer Scheune suchten. Für die Heimfahrt benutzten die ambulanten
Handwerker die Eisenbahn. Hund und Gespann wurden im Gepäckwagen
untergebracht.
In der Umgebung von Weimerskirch, wie z.B. Eich, Dommeldingen und Mühlenbach, wurden reparaturbedürftige Utensilien auf Wunsch von zu Hause abgeholt und am Abend in tadellosem Zustand wieder abgeliefert. Mit der Zeit verbesserte sich die Familie Antony, schaffte ein Pferd mit Wagen an, später ein Lastauto. Im Jahre 1940 stellte sie ihren Handel ein. Den Nachkommen der Familie ist das Jenisch noch gut bekannt.
Über die ,,Lakerten" schreibt Joseph Tockert weiter in seinem Buch: ,,Nach der Tradition soll ein Österreicher namens Goergen den Lumpenhandel in
Weimerskirch eingeführt haben. Das erste Lumpenmagazin errichtete ein deutscher Jude auf dem Knäppehen, an der Grenze des Grünewaldes. Später zentralisierte das Geschäft Salomon, das schon über hundert Jahre alt ist, den Ankauf dieser Art von Altwaren (Eisen, Lumpen und Knochen) in Luxemburg selbst.
Das Geschirr, welches die Hauptware für den Umtausch bildete, bezog man aus der Faïencerie von Siebenbrunnen, den Töpfereien von Speicher (Trier) und der
Porzellanfabrik von Mettlach (Saar). Bei den Kleinkrämern
handelte es sich zumeist um sogenannte vierte Qualität, d. h. Geschirr
mit Fehlern, weshalb wohl zunächst für diese Ware und dann für
Lakerware überhaupt der Ausdruck Schund oder
Schond gebraucht wurde.
Die mittleren und besseren Kramleute hatten
Wagen mit Pferden und waren oft Monate lang unterwegs zu Kirmessen und Märkten. Die wohlhabendsten blieben wohl von Ostern bis Martini (Tag der Weimerskircher Kirmes) von zu Hause weg."
Bis in die fünfziger Jahre gab es noch eine kleine Zahl von Lakerten die den Lumpenhandel betrieben. De ,,Nuckelse“.
© 2008 Alex Wagener "weimerskirch@vo.lu"