Von allen Pfarreien des Landes ist Beggen
wohl eine der jüngsten. Erst 1949 wurde die sich rasch entwickelnde Ortschaft,
die bis dahin zu Weimerskirch geHörte, zur eigenen Pfarrei erhoben. Hochw.
Camille Eyschen, der seit 1939 hier äusserst segensreich wirkt, wurde ihr
erster Pfarrherr. Ihm gebührt sonder Zweifel das grösste Verdienst an der
Verwirklichung des Ausbaus der alten Pfarrkirche. Die Kirche in Beggen wurde im
Jahre 1936/37 von Architekt Jentgen errichtet. Der ursprüngliche Plan, der u.a.
ein schmales Schiff mit ausladendem Querhaus vorsah, kam nicht ganz zur
Ausführung. Es blieb bei einer stilistisch überholten und nicht sehr
einheitlichen, ästhetisch wenig reizvollen und darüber hinaus provisorischen
Konstruktion.
Die historisierende Fassade begreift einen durch ein Kreuz bekrönten Treppengiebel, dessen etwas strenge Linien durch eine Fensterrose teilweise aufgelockert werden. Das Erdgeschoss öffnet sich in eine dreifache, offene Pfeilerarkade, deren mittlere in der Axe des Haupteingangs und des Kirchenschiffs liegt. Letzteres ist ein vier Joche tiefer, tonnengewölbter und flachabschliessender Langraum, dessen obers Joch bis zur Erweiterung der Kirche als Chorraum diente. Das mit Stichkappen versehene Gewölbe wird von Jochgurten getragen, die ihrerseits auf den Kapitellen flacher Wandpfeiler aufliegen. Jedes der von vier solcher Pfeiler begrenzte Joch erhält sein Licht durch zwei hohe rundbogige Fenster mit nach innen abgeschrägter Gewandung. Die Kirche besass keinen Glockenturm. Die Glocken waren auf einem ziemlich primitiven, freistehenden Holzgerüst montiert und wurden von dort aus geläutet.
Bei der schnellen Ausdehnung der an der
Hauptstrasse nach Luxemburg gelegenen vorstadt, wurde diese Kirche bereits Ende
der fünfziger Jahre zu eng, so dass man an einen Neubau bezw. an eine
Vergrösserung der bestehenden Kirche denken musste. Nach reiflicher Überlegung
gelangte man zur Überzeugung, dass die Verlängerung des alten Kirchenschiffes,
sowie der Neubau eines freistehendes Glockenturms die einfachste, billigste und
auch eleganteste Lösung sei. Ab Mitte 1964 wurde ein von Architekt
Robert
Leer entworfener und von der Stadtverwaltung genehmigter Plan ausgeführt. Nach
Niederlegung der Chorabschlusswand wurde das alte Kirchenschiff um etwa zwei
Joche verlängert und diesem neuen, wiederum gerade abschliessenden Chor eine
Sakristei mit entsprechenden Annexen beigefügt. Die in der Axe der alten Kirche
stehende Anbauten betonen sämtlich den Charakter des Hausmässigen. Der neue Chor
hat die gleiche Höhe und Breite, sowie dasselbe durchgehende Satteldach wie das
alte Langschiff. Nach aussen ist die Grenze zwischen alt und neu - wohl aus
statisch-funktionnellen Gründen - durch zwei Strebepfeiler betont, die den
Schub des Gewölbes auffangen und zugleich die etwas langweilige Hausfront des
Baukomplexes gliedern. Seine Lichtzufuhr erhält der neue Chor durche zwei grosse
farbige Glasfenster. Während das eine die ganze Südwand aufreisst, bildet die
Fensterzone der Nordwand ein etwas schmales oder doch zu hoch angebrachtes
Horizontalband. An den flachschliessenden Chor, über dessen Dachfirst sich der
Doppelkamin gleich einem Dachreiter erhebt, lehnt sich ein um ein Beträchtliches
niedriger, einstöckiger Bau an. Er begreift insbesondere die Räume der
Sakristei, die darunter liegenden, modern eingerichteten Abstellräume und
Toiletten, sowie auf dem ersten Stock ein geräumiger Versammlungs- resp.
Festsaal. Dieser niedrigere Anbau mit seinem behäbigen, pyramidal gestalteten
Dach, gliedert die dem neuen, ruhig gelegenen Wohnviertel zugekehrte Westfront
in harmonischerer Weise als dies für die Nord- bezw. Südseite der Fall ist.
Doch kommen wir auf das Innere des Neubaus
zu sprechen. Wie bereits gesagt, hat der neue Chorraum gleiche Höhe und Breite
wie das alte Schiff. Es wurden etwa 150 neue Plätze geschaffen und somit der
bestehende Raummangel behoben. Der Übergang vom klassizistisch-barocken
Schiffsinneren von 1936 zum Neuanbau von 1965 geschieht ohne nennenswerten
stilistischen Bruch. Der Eintritt zum neuen Chor wird durch einen auf
kapitellosen Wandpilastern aufsteigenden Gurtbogen betont, der zugleich bauliche
und dekorative Funktionen erfüllt. Vom feierlichen, monumentalen, den Chor vom
Gemeinderaum oft teilweise abschnürenden Triumphbogen älterer Kirchen kann hier
keine Rede Sein. Die Alloffenheit des eigentliche Opferraumes entspricht einer
moderneren Konzeption der christlichen Liturgie: das Volk soll teilnehmen am hl.
Opfer, die Kirche selbst aber einen Gemeinderaum bilden. Das in Holz ausgeführte
Gewölbe des Chores ist die Weiterführung des steinernen Tonnengewölbes des alten
Kirchenschiffs. Seine Wärme und Materialschönheit trägt viel zur Intimität und
zum sakralen Charakter dieser Stätte bei. Nicht ganz glücklich gelöst scheint
mir das Problem der Gliederung der flach-schliessenden fensterlosen Chorrückwand
durch die jetzige Malerei. Wir glauben, dass eine schmalere, erst über dem
Altartisch ( oder über dem Tabernakel) ansetzende dekorative Überbrückungszone
(etwa ein monumentales Mosaik oder gar ein mit entsprechenden christlichen
Symbolen bestickter Wandteppich ) diesen Raum feierlicher und auch wärmer
gestaltet hätte, als die Altar und Tabernakel fast erdrückende, mit spitzigen
Balkenmotiven etwas breit und schwer ausholende, abstrakte Malerei. Eine ideale
Lichtzufuhr erhält dieser Chor durch die beiden oben erwähnten grossen,
farbigen Glasfenster, die den Raum in ein mystisches Lichtgeflimmer tauchen. Das
die Ganze Chorsüdwand einnehmende, in drei hohe Längszonen aufgeteilte Fenster
behandelt in abstrahierender Weise das Thema "die Welt am Schöpfungsmorgen", ein
fein empfundenes, graphisch bedeutsames, auf- und niedersteigendes Linienspiel,
Berge, Täler sowie verbleibendes Chaos symbolisierend, das Ganze in helle und
dunkle Farbflächen getaucht. Der horizontale Streifen des Nordfensters interpretiert
auf originelle Weise den "Sturm auf dm Meer". Die 12 Kompartimente dieses stark
farbigen gemäldes hag der Künstler hier mit einem Netz kräftiger, oft
gegeneinander kämpfender, unruhiger Linien und darin eingesponnenen Formen
ausgefüllt. Diese
Linien verlaufen teils horizontal, teils wellenartig sich
aufbäumend, teils als Vertikals steil abfallend, so als wollten sie die Abgründe
des Meeres aufreissen und wieder gnädig verdecken. Inmitten
dieses fast barock bewegten Formen-, Linien- und Farbenspiels spürt man deutlich die Umrisse einer hohen, hehren Gestalt, die mit weit ausgebreiteten Armen über den Wassern steht und dem Sturm Einhalt gebietet.
Im Zusammenhang mit der inneren architektonischen Gliederung dieser Chornordwand, möchte man die Horizontale der Fensterzone etwas breiter oder doch weniger hoch angebracht wissen. Sind die beiden, farbensprühenden Glasfenster Glanzstücke dieses schönen Chores, so ist dessen architektonisches Kernstück die eigentliche Raumgestaltung. Der Raum aber wird erst sichtbar und physisch spürbar gemacht durch sein zentrumbildendes Element. den Altar. Er besteht aus einem recheckigen Monolith-Bloch, dem Altartisch, welcher auf drei niedrigen, massiven, viereckigen Pfeilern ruht. Der "Artiges"-Stein, aus dem die einzelnen Teile gehauen sind, ist von einem lichtansaugenden und lichtausstrahlenden Hellgrau. Dieser Altar steht in der Mitte des Chorraums wie ein unverrückbares Monument. Durch seine Präsenz erst wird eine Raumgestaltung fixiert, die zum zentralen Mittelpunkt eines allseitig sichtbaren Opfertisches wird.
Betont wird diese zentrale Mitte noch
durch die erhöhte Stellung des Altars: Drei Stufen führen von dem bereits um 2
Stufen höher als das Schiff liegenden Chor zu ih´m hinauf. Ein spiegelglattes
Parkett aus "Travertino classico" schliesst dunkle Reflexe, die mit den
blendenden des Altarblocks einen wunderbaren Farbkonstrast eingehen.
Wie dieser, so ist auch der Taufstein aus dem fast weissen "Artiges" der Haute-Vienne gehauen. Seiner nüchternen Form scheint uns indes etwas an Erfindungskraft zu mangeln. - Kunstvoller, obgleich vielleicht etwas zu gewählt, sind die Formen des hinter dem Altar in die Chorrückwand eingebauten Tabernakels. Hier fügen sich klassische und moderne Formelemente zu einem einigermassen homogenen Ganzen.- Kerzenhalter und Kreuz stehen mit der Archaik des Altars in stilistischem Einklang. -Predigtstuhl und Kredenztisch sind eine nicht unbeachtliche Umarbeitung des früheren Predigtstuhles. Sie sollten indes besser durch einen modernen Stein-Ambo ersetzt werden.- Noch vermissen wir die Stationen eines Kreuzweges. Das eigentliche Kernstück der "neuen" Kirche in Beggen aber ist der moderne Campanile. Diese, etwa 25 m hoch aufsteigende Stahlbetonkonstruktion galt anfangs als ein technisches Wagnis. In der Tat galt es nicht nur bourgeoise-traditionnelle Entrüstung zu besänftigen, als auch rein bautechnischer, insbesondere statischer Schwierigkeiten Herr zu werden. Der Grundriss dieses Turmes stellt ein gleichschenkeliges Dreieck mit konkaven Seiten und abgetrennten Spitzen dar. Praktisch gesehen entsteht auf diese weise ein Zentralkern, um den sich drei durch konkave Einbuchtungen verbundene Pfeiler strahlenartig gruppieren. Jeder der breiten und tiefgreifenden Zwischenräume dieses rein funktionellen Dreipfeilersystems mit robustem Zentralkern wird, was das erste, zweite und dritte Stockwerk betrifft, in seiner flächenhaften Strenge aufgelockert und gegliedert durch drei hohe, schmale, fensterartige wirkende Durchbrüche die, weil axial übereinandergestellt, wiederum den Vertikalismus dieses Turmteiils betongn. Leicht gestoppt wird die Tendenz des vertikal aufsteigenden durch die breite Horizontale einer dachartig vorspringenden Platte, welche die drei konkaven Räume des untersten Geschosses zugleich nach oben hin abschirmt und auf diese Weise den vor Sturm und Wetter Überraschten Schutz und Unterkunft gewähren. Über den bereits besprochenen, mit fast schiessschartenartig schmalen Durchbrüchen versehenen Stockwerken, steigen vier Glockengeschosse empor. Ihre kammerähnliche Gestalt entsteht hauptsächlich durch die Einfassung der konkaven Räume durch konvexe, horizontal angebrachte Betonverschalungen. Durch deren Unterteilung mit schmaleren Vertikalstützen wird hier in luftiger Höhe der eindruck einer Turmwartwohnung erweck, mit übereinander gestellten Fenstern in alter, gutnachbarlicher Kreuzstockform. Im Bauplan warenfür die ursprünglich drei vorgesehenen Glocke auch nur drei Glockenstuben vorgesehen. Wohl wird durch die ausserplanmässig hinzugebaute vierte Kammer eine leichte Verschiebung der Harmonie und Proportionenen bewirkt, die indes nicht als besonders störend empfunden zu werden brauchen. Den Abschluss dieses Turmes bildet ein flaches, leicht ovalförmiges Dach, dessen Rand breit und wohlig und schützend über die oberste Glockenstube hinausrage. Oberste Bekrönung bildet endlich ein einfaches Kreuz, dessen beleuchteten Arme des Nachts weithin sichtbar sind.
Die Stellung dieses Turms zur Kirche und
zur breiten Öffentlichkeit ist wohl einzigartig. Er steht als Campanile nicht
nur frei neben einer Kirche, die stilistische gesehen in keiner Weise zu ihm
passt, sondern weitab von derselben. Als Künder der Botschaft Gottes muss
er für die Menschen sichtbar sein. Aber nicht so sehr denen, die den Weg zur
Kirche kennen, ihn gehen und sich hier geborgen fühlen. Vielmehr den
Tausenden, die im infernalen Rhythmus des modernen Verkehrs der harten Brandung
einer grossen Verkehrstrasse stehen: ein Mahnmal und ein Fingerzeig nach oben. Mit dem sanften, grünlichen Schimmer
seines nächstens erleuchteten gipfelkreuzes aber auch ein Fanal der Hoffnung und
glücklichen Heimkehr. So hat es der Bauherr und Inspirator Pfarrer Eyschen
gewollt. Und so ist das gut.
© 2008 Alex Wagener "weimerskirch@vo.lu"